Abstract
Typologie des Genus im Sorbischen. Die grammatische Kategorie Genus zwischen Referentenbezug und lexikalischer Verfestigung
Das Genus der personalen Substantive funktioniert im Sorbischen zwischen pragmatisch-situativem Referentenbezug und lexikalischer Fixierung, die ein Indikator der Grammatikalisierung des Genus als obligatorische Kategorie der Substantive ist. In dieser Studie schlagen wir eine Feldstruktur des Genus bei personalen Substantiven vor, die durch zwei Achsen aufgespannt wird: Die funktionale Achse erstreckt sich zwischen den Polen des vollständig lexikalisierten Genus bei äquipollenten Kontrastpaaren und dem pragmatischen, referentenabhängigen Genusgebrauch bei Substantiven des “genus commune”. Die zweite Achse beschreibt den strukturellen Kontrast zwischen Realisierung und Neutralisierung von Genusrelationen. Genuszugehörigkeiten von Substantiven können nämlich aus lexikalischen (Epikoina) oder pragmatischen Gründen (generisches Maskulinum/Femininum) sprachlich unausgedrückt bleiben. Im Sorbischen ist der pragmatisch motivierte Genusgebrauch nur noch relikthaft vorhanden. Wie stark die lexikalische Verfestigung der Genera ist, lässt sich am Beispiel von Lehnwörtern mit unbelebten Denotaten ermessen. Besonders seit der Etablierung vollständiger Bilingualität unter den Sprechern des Sorbischen werden Konflikte zwischen den strukturellen Parametern der Genussysteme in den Kontaktsprachen zugunsten der Vorbildsprache aufgehoben. So erhält die bisher unproduktive und markierte Flexionsklasse der Feminina mit Grundformflexion durch die Aufnahme von Lehnwörtern im Sorbischen neue Produktivität. Dabei kommt es auch zur Ausweitung der Nichtflektierbarkeit von Substantiven.
The typology of Gender in Sorbian. The Grammatical Category Gender between Reference Indication and Lexical Classification
In Sorbian, the gender of personal nouns operates between pragmatic-situational reference and lexical classification, which is an indicator of the grammaticalization of gender as an obligatory category of nouns. In this study, we propose a field structure of gender in personal nouns, which is defined by two axes: The functional axis extends between the poles of fully lexicalized gender in equipollent gender contrastive pairs and the pragmatic, reference-based use of gender in nouns of the “genus commune”. The second axis describes the structural contrast between the realization and neutralization of gender relations. The gender affiliation of nouns can remain unexpressed for lexical (epicenes) or pragmatic reasons (generic masculine/feminine). In Sorbian, the pragmatically motivated use of gender is now only present in a residual form. The extent to which the lexical fixation of gender has taken place can be estimated by considering loanwords with inanimate denotation. Especially since the establishment of complete bilingualism among speakers of Sorbian, conflicts between the structural parameters of the case systems in the contact languages are resolved in favour of the model language. Thus, the previously unproductive and marked inflection class of feminine nouns with base form inflection is gaining new productivity in Sorbian by the adoption of loanwords. This process leads also to an expansion of uninflected nouns.

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